Loretta Lux
Erfindung des Seins
„Der Betrachter sieht sich mit ernst blickenden kindlichen Geschöpfen konfrontiert, die das gängige Klischee vom fröhlichen unbeschwerten Kindsein in Frage stellen. Was wir sehen ist kein Ausschnitt aus einer süßlichen Welt des jugendlichen Lachens, dass wir aus Dutzenden von Kinderwerbespots kennen. Oder von aufgesetzten Familienfotos. Die Arbeiten von Loretta Lux gehen tiefer. Sie gehen der Frage nach dem Unbewussten nach. Die fragil anmutenden Kinder sind erwachsen wirkende Repräsentanten ihres eigenen rätselhaften Universums. In diesem werden metaphorisch die kindlichen Sehnsüchte und Vorahnungen von der Welt der Erwachsenen in der Gebärdensprache und im Ausdruck der Augen der Porträtierten eindringlich erfasst. Andeutungsweise können wir als Betrachter erspüren, was diese Kinder vielleicht im Innersten fühlen, wenn wir uns auf die Reise unserer eigenen Kindheit begeben.
Ihre Modelle, meist zwischen 2 und 9 Jahre alt, sind noch nicht in der Pubertät, aber wirken als hätten sie diese bereits geistig übersprungen. Der festgehaltene Moment ist nie ein Schnappschuss, sondern immer von der Künstlerin perfekt inszeniert. Die feenhaften Figuren verkörpern in ihrer vergeistigten Schönheit eine übersinnliche Atmosphäre, die artifiziell und idealisiert erscheint. Deshalb erinnern sie an engelhafte Wesen oder Märchengestalten. In stiller Anmut schweigen sie uns rätselhaft an. Ihre einzige Sprache bleiben Blicke und manierierte Gesten. Sie geben sich nicht preis, weil sie es vielleicht nicht einmal könnten.
Loretta Lux versteht sich als Regisseurin. Sie inszeniert jede Bewegung, jede Geste und Pose. Wie in einem Bühnenstück gibt die Künstlerin den Kindern genaue Anweisungen, wie sie agieren müssen. Während des Entstehungsprozesses, verknüpft sie drei Medien: Fotografie, Malerei und Digitaltechnik. Der erste Schritt ist die Inszenierung an sich. Sie fotografiert ihre Modelle in sorgfältig gewählten, teils eigens angefertigten Kostümen. Immer passt die Kleidung, die wie aus dem Requisiten-Fundus eines Theaters entnommen zu sein scheint, zur jeweiligen Aura des Kindes. Die Kulissen und Natur-Schauplätze sind genau von der Künstlerin ausgewählt. Sie können romantisch, dramatisch oder karg sein. Die Bildhintergründe sind aber nicht nur Ausschnitte aus der Realität, sondern zum Teil auch gemalt.
Loretta Lux kommt von der Malerei. Während ihres Kunst-Studiums von 1990 bis 1996 an der Münchner Kunstakademie bei Professor Gerd Winner, sie war bei ihm Meisterschülerin, durchwanderte sie den Prozess eines typischen Studiums. Das heißt Akademie-Alltag mit Farbe auf den Bildern und an den Händen und überall im Atelier.... Doch zum Ende ihres Malerei-Studiums beschäftigte sie sich zunehmend mit der Fotografie und dem Sujet Kind. Die Verknüpfung von Malerei und Fotografie, die Brüche von Traum und Realität machen den unverwechselbaren Reiz der Bilder aus. Obwohl die kleinen Personen, mit ihrer großen würdevollen Präsenz wirklich fotografiert sind, werden sie durch das Medium der Malerei und Digitaltechnik in ein Phantasiegebilde transformiert, werden unwirklich!“
Text: Kerstin Brüggemann